Mehr Stellungnahmen, bitte

Warum ist die Situation, wie sie ist? Das werde ich ständig gefragt und das frage ich mich selbst. Z.B. „Warum gibt es denn kein sonderpädagogisches Gutachten zur Ausstattung des schulischen Arbeitsplatzes?“

Vielleicht ist das ein Problem der Masse: Die Leute, die gut mit kind und familie zusammengearbeitet haben, haben lange mit uns gearbeitet und dann gibt es halt nur eine Stellungnahme als Abschlussbericht nach vielleicht zweihundert Zeitstunden 1:1-Arbeit an den Kostenträger. Oder es waren Strukturen mit eigenem Budget, die gar keine Stellungnahmen geschrieben haben, weil das nicht verpflichtend war für sie und dafür keine Ressourcen vorhanden sind. Gleichzeitig gibt es massig Berichte von reinen Gutachter_innen oder Leuten, die nach 0,5 Stunden ohne oder fast ohne Kommunikation mit kind (typischerweise Ärzt_innen, MDK, Gesundheitsämter, Gutachter_innen) oder 5 Stunden (z.B. Therapie und Pädagog_innen) Berichte verfassen. Die vielleicht nicht einen sinnvollen Satz mit Kind gewechselt haben und sich hauptsächlich auf Vorberichte beziehen, die unter ähnlichen Bedingungen entstanden.

Übrigens sind von den ca. 2000 Seiten medizinischen, therapeutischen und pädagogischen etc. Dokumenten, die ich inzwischen zur Kenntnis genommen habe vielleicht 20 Seiten ohne relevante inhaltliche Fehler. Das ist ein echtes Problem und weil das Vorgehen ist, wie es ist, reproduzieren und vermehren sich die Fehler fleißig weiter.

Es gibt also sehr viele, aber auch sehr viele in wichtigen Punkten unzutreffende Stellungnahmen über kind und gleichzeitig waren die auch immer zweckgebunden.

D.h. jetzt bei der erstmaligen Versorgung mit einem bestimmten Hilfsmittel, gibt es eben keine dedizierte Stellungnahme dazu. Bzw. gibt es massig Informationen für die ich der Kondenspunkt bin. Informationen von Fachleuten, die kind kennen, aber nur mündliche Stellungnahmen vor allem mir gegenüber abgegeben haben, Messebesuche, direkter Austausch mit Nutzer_innen, Lesen von Erfahrungsberichten, Betriebsanleitungen, Fachliteratur zu dem Thema, Hilfsmittelerprobungen etc. Aber was auch immer ich sage oder schreibe (auch mit Quellen), es ist halt bestenfalls „nur die Mutter“. Komplett ignoriert werde ich auch nicht selten. Neulich unterstellte mir jemand am Telefon indirekt zu lügen, weil meine Aussagen nicht zu den Implikationen einzelner Gutachten passten. Haha – Aber das ist vielleicht das generelle Problem am SGB: Als Mensch, der auf Leistungen angewiesen ist, wird immer erstmal Missbrauch unterstellt und dann ist es vielleicht gerade konsequent, genau nicht auf die_den antragstellende_n Menschen zu hören. Noch weniger ernst genommen wird eigentlich nur „nur das Kind“ selbst.

Und gleichzeitig verbringe ich so viel Zeit damit, gute, fundierte Stellungnahmen zu verfassen, um wenigstens nicht nichts gesagt zu haben, um glaubwürdig, evidenzbasiert und gerichtsfest zu bleiben, um eben den (besonders den selbstgeäußerten) Interessen meines Kindes Gehör zu verschaffen. Zeit, die mir oft weh tut, die ich lieber direkt in meine Familie investieren würde. Es ist ein Abwägen. Es wird immer zu viel (und) oder zu wenig sein.

Ich kenne Eltern, die im persönlichen Austausch mit Profis so überzeugend und charismatisch sind, dass sie sich das Schreiben sparen können und nur in persönliche Termine investieren. Für sie ist es auch kein Problem, dass immer mehr Entscheidungen im SGB in mündlichen Verfahren gefällt werden sollen. In den berüchtigten Hilfeplangesprächen / Tribunalen. Aber weder mir noch meinem Kind ist das gegeben. Tausendster Nebengedanke. Zurück: Wenn man die Menschen und ihre Eltern nicht ernst nimmt, bleibt es ein Gegeneinander zwischen Leistungsberechtigte_r und Kostenträger_in statt eines Miteinander.

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Wochenbett?

Das Wochenbett mit den Zwillingen liegt ja nun schon ein paar Monate hinter mir. Aber ich wollte mal sagen, dass es bei uns praktisch nicht existiert hat, bis zu dem Grad, dass ich neben dem Stress für die Kinder und mich zweimal frische Blutungen vom Kaiserschnitt hatte, weil ich wenige Tage nach einem Kaiserschnitt zwei Babys in Autositzen durch die Gegend tragen musste. Zu unverschiebbaren, unbedingt persönliche Anwesenheit erfordenden Terminen. Weil Profis(TM) in dem sicheren Wissen, dass ich  mit frischem Kaiserschnitt und Zwillingsbabys existiere uns Außer-Haus-Termine und überhaupt Termine, mutwillige Bürokratie en masse, wegen der Behinderungen aufgebürdet haben (ha, das ist eine Rekursion!). In aller Regel waren das die gleichen Profis, die sich sorgten, ich könnte mich mit den neuen Lebensumständen überlasten und uns zu Erziehungshilfemaßnahmen zwingen wollten, um uns „zu entlasten“. Danke für nichts.

Mich würde interessieren, wie es anderen Mamas nach nicht-ersten Geburten ging. Hattet Ihr ein Wochenbett? Familie und Freunde und vor allem auch eine unfassbar tolle Hebamme und eine unbezahlbar anpackende Haushaltshilfe haben mir schon geholfen und Rücksicht genommen. Aber Behörden, Dienstleister und Behinderungsbürokratie waren absolut rücksichtslos.

Ich habe Angst vor der Schule

Mir selber war Schule reichlich egal. Ich habe fast nie gefehlt. Nie unentschuldigt, nie zu spät. Es blieb eigentlich nur die Enttäuschung der Lehrer_innen über mich hängen, die immer enttäuscht waren „wie weit ich unter meinen Möglichkeiten blieb“. Unregelmäßige Verben, Gleichungssysteme und Grammatik, an mehr aus der Schule kann ich mich nur erinnern, wenn ich mich anstrenge. Lernen habe ich jedenfalls nicht gelernt in der Schule.
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Spaß bremsen

Ein Kind wirft (ohne besondere Aufregung, eher um zu testen, was passiert) ein Frühstücksbrettchen auf den Boden. Ein_e Erwachsen_e hebt es auf, nimmt es mit beiden Händen und tut so, als schlage es das Brettchen mit Wucht dem Kind auf den Kopf. Bremst aber im letzten Moment und lacht.

Klar soll das Kind das Brettchen nicht auf den Boden werfen. Aber die Reaktion der_des Erwachsene_n finde ich hier problematischer und nicht lustig. Und ich schreibe das auf, weil das etwas ist, was ich immer wieder erlebe und immer wieder nicht witzig finde.

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