Heim

Als ich neulich mit den Zwillingen unterwegs war, sprach mich ein Mensch an, die_den wir ab und an sehen, und mit der_dem ich bisher drei Mal kurzen Smalltalk gehalten hatte. Sie_er fragte sofort, ob wir unser älteres Kind „nun“ nicht „ins Heim“ geben wollten. Als ich fast lachte, weil das so grotesk für mich war und verneinte, war sie_er sehr skeptisch und sagte, sie_er hätte allen Respekt vor Eltern, die „das“ schafften. Und ob es „nicht mal laufen“ könne, nach dem Motto: Dann ist „das“ nicht „zu schaffen“.

Ich frage mich, was „Heim“ für diesen Menschen bedeutet. Ob sie_er eine konkrete Erfahrung damit hat, oder nur abstrakte Ideen damit verbindet. Was „Heim“ besser machen soll für unser Kind oder die Familie insgesamt. Und letztlich auch, warum sie_er unterstellt, dass bei den Zwillingen nie irgendetwas passieren wird, was zu einer bleibenden Beeinträchtigung führt. Oder sollen wir auch das nächste Kind „ins Heim“ geben, falls es Beeinträchtigungen bekommt? Mich schaudert bei solchen Gesprächen. Wer mag, kann „Die Belasteten“ von Götz Aly oder „Das ist doch kein Leben mehr“ von Gerbert van Loenen lesen.

Gleichzeitig finde ich gut, dass Mareice Kaiser (ihr Blog) in ihrem Buch „Alles inklusive“ ihren Umgang mit dem Thema Heim beschreibt. Wir selber waren nie in ihrer Situation. Aber wie Mareike Kaiser schreibt, kennen auch wir es: Von vielen Profis wird einem das als Lösung angeboten. Unterstützung innerhalb der Familie scheint keiner zu kennen (es gibt sie!). Gleichzeitig weiß ich durch die Selbsthilfe, dass das Jugendamt einer großen Stadt zur Abtreibung von Kindern mit vermuteten Behinderungen rät, weil sie kaum Chancen hätten, von Pflegestellen aufgenommen zu werden. Allein die Argumentation bei einer Entscheidung über Leben und Tod und dann noch vom Jugendamt entsetzt mich.

Was tue ich, wenn ich den Menschen wiedertreffe? Ich mag überhaupt nicht über so etwas argumentieren auf der Straße, auch nicht mit Wildfremden. Ich empfand schon die Fragen mehr als übergriffig. Dann denke ich: „Aber genau solche Menschen müsste ich überzeugen, damit es gesamtgesellschaftlich voran geht.“ Wobei mir das wohl kaum gelänge? Aber aus dem Weg gehen und zu machen hilft auch nicht. Und Entsetzen ist auch kein gutes Argument.

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