Ist gewaltfreie Erziehung möglich?

Das Frage ich mich immer mal wieder. Und auch: Entschuldigung, dass ich schon wieder über Gewalt rede, aber das Thema ist einfach zu präsent für mich im Moment.
Unter Gewalt verstehe ich hier: Jemand zwingt jemand anderem ihren_seinen Willen auf. Gegen deren_dessen Willen oder auch „nur“ ohne ihre_seine Einwilligung. Das ist, glaube ich, eine ziemlich weite Definition.

Ich habe keine formale Ausbildung zu dem Thema, kenne nicht umfassend irgendwelche Theorien und Ansätze. Ich gebe hier mein gut gegorenes Halbwissen und vor allem meine persönlichen Einsichten zum Besten. Professionalität ist wichtig, aber wo es eben auch mich betrifft, will ich mich auch äußern, ohne „es studiert“ zu haben. Kommentare, Korrekturen, Verbesserungsvorschläge etc. dürfen gerne in den Kommentaren hinterlassen werden.

Erziehung im Wortsinne ist Gewalt: Es geht um „zu etwas hin ziehen“. Ich mag das Wort und das Konstrukt nicht. Unter den unter „Erziehungsmittel“ https://de.m.wikipedia.org/wiki/Erziehungsmittel#Beispiele_von_Erziehungsmitteln gelisteten Beispielen sind entsprechend auch nur Dinge, die ich problematisch finde. Erziehung kann ich auch nicht adäquat ins Englische übersetzen, oder? Vielleicht „upbringing“, aber das nimmt schon genau das „Ziehen“ heraus.

Ich sehe, dass „Erziehung“ oft „Entwicklung“ oder „Lernen“ (nicht „etwas lernen“, sondern nur „lernen“) als offenere Konzepte entgegengestellt werden. Aber das Kinder- und Jugendhilfegesetz, obwohl mit den Änderungen neue Begriffe kommen sollten, hat im Kern doch immernoch die Idee von Erziehung: Es ist direktes Einwirken notwendig, um einen jungen Menschen „gemeinschaftsfähig“ zu machen. Ohne ginge es nicht. Ich bin auch tatsächlich immer wieder auf Fachleute gestoßen, die glauben, ohne direktes pädagogisches Einwirken würden Kinder automatisch straffällig. Solche Meinungen gibt es auch. Für mich geht das nicht mit meinen Erfahrungen, Werten und Überzeugungen überein. Wie kann man die Würde eines Kindes respektieren, wenn man überzeugt ist, dass es ohne direkte Einwirkung „schlecht“ ist / wird?

Vielleicht ist an „Erziehen“ schon das „zu etwas hin“ des Pudels Kern: Ein extern festgelegtes Ziel, das dann im Zweifelsfall durch gewaltvolle Mittel erreicht werden muss.

Mich beschäftigt neben physischer Gewalt, dass ich in unserem Kindergarten und auch im Umgang von Pädagogen mit mir als Vertreter meiner Kinder immerzu Manipulationsversuche wahrnehme. Es wird auf Wissens- und Machtungleichgewichte, Reflexe und Automatismen statt auf „Transparenz“, „Fakten“, „Ehrlichkeit“ und damit die Anerkennung der Gleichwertigkeit des Gegenübers, gesetzt.

Aber geht Erziehung überhaupt ohne Gewalt? Im engen Sinne des Gesetzes wohl nicht (und das bringt mich als Menschen mit gesetzlicher Erziehungspflicht schon in echte Probleme…). Ein Grund, warum ich mir eine grundlegende Änderung der Jugendhilfe wünsche – aber um so eine Änderung ging es nicht bei der vertagten Reform des SGB VIII.

Aber es gibt ja durchaus Pädagog_innen, die ich als nicht gewaltvoll empfinde. Was machen die und kann ich das übernehmen? Ist das wirklich keine Gewalt oder nur „weniger“ oder unauffälliger und was ginge denn noch? Und jenseits des Kindergartens, wie ist das in der Schule, mit den Bildungszielen? Sind das noch Ziele im Sinne von Erziehung? Nein, würde ich sagen. Erziehung zielt auf Verhalten und Einstellung und sicher noch mehr. Schulisches Lernen zielt für mich auf Bildungsinhalte, ist „körperfern“ und in den Zielen deutlich transparenter. Der staatliche Auftrag (auch an die Eltern!) „Erziehung zu einer gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ zielt auf die Beeinflussung der Persönlichkeit. Ich drehe mich im Kreis mit meiner Argumentation. Ich kann den Erziehungsauftrag in diesem engen Verständnis nicht mittragen, halte ihn für nicht menschenrechtskonform. Ich kenne meine Kinder und weiß, dass sie von Anfang an eigene Persönlichkeiten waren, individuellen Willen und Bedürfnisse hatten und äußerten.

Vielleicht ist der Begriff der Persönlichkeit auch ein Knackpunkt? Sofern mensch davon ausgeht, dass Persönlichkeit ein Ich- Bewusstsein voraussetzt und damit jungen Kindern, die ihre Gedächtnisfunktionen und eine andauernde Ich-Bewusstheit erst entwickeln und mensch Menschen vor dem (oder ohne?) persistierendes Ich-Gefühl eine Persönlichkeit in diesem Sinne abspricht, ja. Ich sehe klare, unterschiedliche „Verhaltensdispositionen“ (z.B. ruhig, bewegungsorientiert, aufbrausend) schon von Anfang an und bezeichne das als „Persönlichkeit“. Insofern gibt es für mich zumindest keine Persönlichkeit an sich zu entwickeln. Aber es geht vermutlich, hoffentlich, auch eher um die Ausprägung der Persönlichkeit, die die Gesetzgeber_in als „gemeinschaftsfähig“ geformt sehen möchte. Auch schwer… „Gemeinschaft“ – ist ein historisch sehr beladener Begriff und die Grundsätze stammen meines Wissen auch noch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts https://de.m.wikipedia.org/wiki/Reichsgesetz_für_Jugendwohlfahrt . Wessen Gemeinschaft? Das sprichwörtliche Kanonenfutter, die „Artgemeinschaft“, das Fließband, den Frontalunterricht, selbstbestimmte Bürger_innen? Hängt mit diesem Auftrag die Ächtung und Pathologisierung von „Autismus“ zusammen?

Ist psychische Gewalt weniger schlimm als physische? Auf einem existentiellen, naturalistischen Niveau sicher. Vergleichen fühlt sich unpassend an. Aber davon hinge vielleicht auch meine Beurteilung der Kita-Methoden ab. Ich will ganz sicher nicht, dass physische Gewalt zur Erziehung angewandt wird. Ich merke aber auch, dass die manipulativen Methoden Kinder unselbständig machen in ihren Entscheidungen und autoritätsabhängig und das ist nicht das, was ich möchte für meine Kinder. Und ich halte es für gefährlich für eine Demokratie, die meiner Überzeugung nach auf selbstbestimmte Bürger_innen angewiesen ist zum Überdauern.

Was gibt es denn noch an Erziehung, wenn nicht die direkte, individuelle Ausnutzung von Informations- und Machtungleichgewichten? Gar kein eigenes Erziehungsziel festzulegen: Ich kann versuchen, meinen Kindern zu ermöglichen, zu erkennen, was für sie selbst gut ist. Emergent aus ihrer Umwelt. (Stichwort „natürliche Konsequenzen“ statt willkürlichem Anreiz) Und ich glaube, dass sich daraus auch ergibt, dass es gut ist, dass es allen anderen gut geht. Jede_r einzelnen. Ich kann ihnen ein Beispiel sein (bin ich sowieso und ich glaube, das ist eh eine der unterschätztesten „Erziehungsmethoden“). Bei Montessori gibt es die „vorbereitete Umgebung“ wobei die sich schon nicht mehr so sehr ans Verhalten richtet, das soziale Verhalten indirekter beeinflusst. Ist aber relativ analog zu einfach „kindgerechter“ Wohnung mit Sicherheitsmaßnahmen und adäquaten Beschäftigungsmöglichkeiten. Aber vielleicht ist diese indirekte Beeinflussung des Verhaltens durch die gemachte Umgebung auch gut? Oder zumindest besser? Und die vorbereitete Umgebung ist natürlich bewusst manipulativ und beschneidet kind auch in seinen Entscheidungsmöglichkeiten (eine sichere Wohnung schafft mir zuhause Freiraum und die Zuversicht, dass ich nicht jeden Handgriff überwachen muss, aber wenn wir in nichtmal kindersicheren Räumen sind, ist es umso stressiger, weil die Kinder nicht gelernt haben, mit so einer Umgebung umgebungsgerecht zu interagieren. Dazu kann man auch wieder viel hin- und hergrübeln. ) Für mich persönlich ist die „kindgerechte“ Umgebung zuhause definitiv gut. Wobei hier auch ein Aspekt ist, dass eine Einschränkung durch eine vorbereitete Umgebung innerhalb eines „normalen Kindergartens“ für mich erträglicher erscheint, als Objekt persönlich ausgeübter Gewalt eines anderen Menschen zu sein. Und wenn Kind die Manipulation nicht erkennt, ist sie vielleicht nicht so schlimm? „So“ kann ich nicht beurteilen, aber ihre Nebenwirkungen (Einschränkung der Autonomie) sind da.

Und die Ziele weiter zu definieren? Ginge es auch ganz ohne Ziele?

Das führt gerade ins Unendliche. Es sieht wohl aus, als ob es nicht ohne Gewalt geht. Ist jede zwischenmenschliche Interaktion Gewalt? Über (gern langes) Feedback freue ich mich.

Advertisements

Und Du? Sage etwas:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s