Spaß bremsen

Ein Kind wirft (ohne besondere Aufregung, eher um zu testen, was passiert) ein Frühstücksbrettchen auf den Boden. Ein_e Erwachsen_e hebt es auf, nimmt es mit beiden Händen und tut so, als schlage es das Brettchen mit Wucht dem Kind auf den Kopf. Bremst aber im letzten Moment und lacht.

Klar soll das Kind das Brettchen nicht auf den Boden werfen. Aber die Reaktion der_des Erwachsene_n finde ich hier problematischer und nicht lustig. Und ich schreibe das auf, weil das etwas ist, was ich immer wieder erlebe und immer wieder nicht witzig finde.

Was mir bei der Situation so einfällt:

Kind: Woher soll das Kind wissen, dass die_der Erwachsen_e „nur Spaß macht“? Ich wusste es in der Situation nicht. Kann so eine Situation überhaupt Spaß sein? Ich weiß, Spaß besteht darin, Erwartungen zu brechen. Aber nicht jede Brechung ist Spaß. Vielleicht kann man es als Spaß verstehen in einem Selbstverständnis, dass es keine Gewalt gibt. Aber das ist weltfremd – Gewalt gibt es, gerade für Kinder. Auch wenn nicht jede_r Erwachsen_e das so empfindet.

Und woher kommt überhaupt der Impuls der_des Erwachsene_n, dem Kind das Brett auf den Kopf zu hauen? Vielleicht genau daher, dass es eben solche Gewalt gibt. Dass die nicht vollendete Handlung weiter gedacht werden kann und in dem Wissen vieler Menschen einen ganz konkreten Ausgang impliziert (Bewegung nicht abgebrochen bedeutet: Aufschlag des Brettchens auf dem Kopf). Für mich ist es mindestens die Androhung von Gewalt. Eigentlich noch mehr, denn ich konnte nicht abschätzen, dass die Handlung abgebrochen wird, bevor das Brettchen mit Wucht auf den Kopf trifft. Ich hatte Angst in der Situation. Und ich gehe davon aus, dass zumindest ein Kind, das ein gewisses Gefühl für Bewegungsabläufe hat, auch damit rechnet, dass das Brettchen seinen Kopf trifft und dass es entsprechend vielleicht Gefühle von Angst und ähnlichem hat. Die Gefühle und deren physische Korrelate (Herzfrequenz, Atemfrequenz etc.) sind nicht ungeschehen, wenn die Handlung im letzten Moment abgebrochen wird.

Erwachsen_e: Wieder diese „Kreativität der Bestrafung“. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, einem Menschen ein Brett auf den Kopf hauen zu wollen. Auch nicht, wenn ich ein Brett in den Händen halte. Was sagt es mir über diese_n Erwachsene_n, dass sie_er diesen Impuls hat und auch noch so weit ausführt? Hier geht es vermutlich auch wieder um Bestrafung? Einen der körperlichen Bestrafung vergleichbaren Effekt erzielt die_der Erwachsen_e durchaus auch ohne die Strafe zu vollenden, was für mich nochmal mehr bedeutet, dass es nicht um Spaß geht. Okay, auch zu Spaß gehört für manch eine_n Angst (comic relief?). Ich glaube, für mich gehört Angst genau nie zu Spaß.

Anwesende: Lachen? Schock? Was macht das Kind daraus? Warum habe ich hier nichts gesagt? Weil ich es vorher oft getan habe, da solche brzgrkptskmng***en Situationen immer wieder vorkommen und ich für meinen Einwand fast immer laut, mit Vorwürfen u.ä. dafür angegangen wurde. Ohne dass ich das Kind beschützen konnte. Hoffentlich hat das Kind es gar nicht als Gewalt erfahren – aber das ist kein Grund, dass Erwachsene das machen dürfen und kein Grund, dass ich es nicht thematisieren, bewerten und verhindern sollte. Und ich will nicht, dass (meine) Kinder aufwachsen, ohne dass solche Situationen thematisiert und eingeordnet werden: Ich will nicht, dass sie es für normal, tolerabel oder gar gut halten, anderen Gewalt anzudrohen und Angst zu machen.

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